Interview "Fair Wear student enterprise"

Die Berliner Schülerfirma importiert nachhaltig und fair produzierte Kleidung von ihrem Partner aus Indien und verkauft diese auf (Schul-)Märkten in Berlin. Ihr Angebot umfasst und anderem Hoodies, T-Shirts und Taschen. Der Aufdruck auf jedes Produkt kann vom Kunden frei und individuell gewählt werden. Der NaSch-Community beantworteten sie verschiedenen Fragen zu ihrer Arbeit, warum ihnen fairer Handel wichtig ist und zur Frage, was sie in ihrer Schülerfirma dazugelernt haben.

Who made your clothes? Diese Frage ist der Kern des Geschäftsmodells von „Fair Wear student enterprise“. Auf ihren regelmäßigen Nachhaltigkeitsaudits vor Ort in Indien lernen sie die Menschen und Betriebe ihrer Lieferkette persönlich kennen und können die Produktions- und Arbeitsbedingungen selbst überprüfen.

Wie seid ihr auf die Idee für eure NaSch gekommen?

Nach einer Prüfung zum Mittleren Schulabschluss an der Rudolf Steiner Schule Berlin bei unserem Lehrer Herrn Blau zum Thema "Fairer Handel am Beispiel Textilien" kam bei den Schülern die Frage auf, ob man nicht selbst etwas ganz Praktisches gegen die schlechten Produktionsbedingungen vor Ort in Indien und Bangladesch machen kann.
Es ging darum, nicht immer nur mit dem erhobenen Zeigefinger an das Konsumverhallten der Anderen zu appellieren und sich damit zu beschäftigen, wie unfair die Welt ist, sondern selbst etwas mit einem coolen Unternehmen zu verändern und die Welt zu verbessern. Nicht nur reden sondern handeln war das Motto. Als die Lehrer Herr Blau und Herr Zelazny schließlich den indischen Handelspartner, Parag Chaturvedi, mit seiner kleinen Textilfirma "Fair&Organic" gefunden hatten, legten wir los, einen Geschäftsplan zu entwickeln, Geld zu sammeln, die Schülerfirma zu gründen und faire Hoodies und Shirts aus Indien zu importieren und diese auf Schulmärkten zu verkaufen.

Wie setzt ihr Nachhaltigkeit in eurer NaSch um?

Wir arbeiten ausschließlich mit Kleinbauern und kleinen Textilproduzenten zusammen, um diesen auch eine globale Vermarktung ihrer Produkte zu ermöglichen. Es handelt sich um Naturtextilien, wie Baumwolle, Wolle und Jute, die ohne Chemikalien gefertigt werden. Beim Anbau der Pflanzen werden keine Pestizide verwendet.
Who made your clothes? Diese Frage ist der Kern unseres Geschäftsmodells. Auf einer jährlichen Fair Fashion Reise nach Indien machen wir Nachhaltigkeitsaudits vor Ort und lernen die Menschen und Betriebe unserer Lieferkette persönlich kennen und können die Produktions- und Arbeitsbedingungen selbst überprüfen. Das ist möglich, weil unser indischer Partner F&O seine gesamte Produktionskette transparent hält und weil wir (bzw. die beteiligten Lehrer) Zuschüsse für diese Fahrt organisiert haben. So erfahren wir aus erster Hand, ob und wie fair die Arbeitsbedingungen der Produzenten sind, die ILO Kernarbeitsnormen eingehalten werden und existenzsichernde Löhne (nicht nur Mindestlöhne) gezahlt werden.
Nachhaltigkeitslabel sind zwar gut, aber man muss als Unternehmen auch selbst hinter die Kulissen schauen, um zu beurteilen, wie fair der faire Handel dann auch wirklich ist. Sich dabei nur auf Labels und Zertifikate zu verlassen, reicht uns nicht. Einige Produzenten sind nach dem Global Organic Textile Standard (GOTS) und dem OEKO-TEX Standard zertifiziert. Aufgrund der damit verbundenen höheren Kosten für die Kleinbauern und kleinen Produzenten, besitzen die meisten von ihnen kein fair trade Siegel oder Nachhaltigkeitszertifikat.

Warum ist euch Fairer Handel wichtig?

Weil wir zum einen direkt zur Verbesserung der sozialen, wirtschaftlichen und ökologischen Lebensbedingungen der Kleinbauern und Produzenten vor Ort in Indien beitragen wollen und zum anderen weil wir über ungerechte und ökologisch schädliche Produktionsbedingungen in den Produzentenländern aufklären und praktisch unseren Mitschülern aufzeigen wollen, wie soziales und umweltschonendes Wirtschaften möglich ist. Es geht uns schließlich darum, mit dem fairen Handel die Welt ein kleines Stückchen besser zu machen.

Was war bisher die größte Herausforderung bzw. das größte Problem, das ihr lösen musstet?

Die größte Herausforderung besteht immer darin, die Aufträge zu akquirieren und die Geschäfte zu koordinieren (Bestellungen kombinieren, Kommunikation mit Indien, Zollabwicklung etc.). Da wir ja sozusagen Teil einer globalen Produktionskette sind, sind die Prozesse komplexer, als wenn wir die Ware nur von einem Zwischenhändler aus Deutschland beziehen würden.

Was war bisher das lustigste Erlebnis?

Sehr lustig war die erste Begegnung mit Schülern aus Indien in Bangalore. Sie waren so begeistert von unserem Projekt und stellten uns so viele harte finanzielle Fragen an unser Geschäftsmodell, dass wir erst einmal alle lachen mussten, weil wir das so nicht erwartet haben. Es war ein bisschen, wie bei einer Befragung in einer Bank. In Indien ist das Unterrichtsfach Wirtschaft sehr viel verbreiteter als in Deutschland und die Schüler hatten eigentlich viel mehr Vorwissen als wir. In einer Schulkooperation wollen wir jetzt gemeinsam eine Schülerfirma betreiben, um voneinander zu lernen.

Wenn ihr drei Wünsche frei hättet, was würdet ihr euch für eure NaSch wünschen?

Etwas mehr Eigenkapital, mehr Zeit, sich damit im normalen Unterricht zu beschäftigen (die NaSch läuft bei uns als AG am Nachmittag) und mehr Austausch mit anderen Nachhaltigen Schülerfirmen.

Was habt ihr in eurer NaSch (dazu)gelernt?

Sehr viel: unternehmerisch und selbstständig zu denken, nicht nur an den Gewinn zu denken, sondern an die Bedürfnisse von Menschen. Wir haben natürlich in Indien tolle Erfahrungen mit den Menschen und Textilarbeiterinnen dort gemacht, von denen wir viel gelernt haben. Uns ist zum Beispiel bewusst geworden, dass es uns hier in Deutschland und an unserer Schule sehr gut geht, dass wir viele Dinge für selbstverständlich nehmen, die es in anderen Teilen der Welt nicht sind. Dazu gehört beispielsweise keine Angst vor Gewalt haben zu müssen, auf die Toilette zu gehen, wenn man muss, nicht eingesperrt zu sein, genug zu essen zu haben, Pausenzeiten, Freizeit und genügend Geld zum Leben zu haben und und und. Diese Dinge sind leider in den meisten konventionellen Textilfabriken in Asien nicht die Regel.
Darüber hinaus haben wir natürlich sehr viel über die komplexe Produktionskette in der Textilbranche gelernt. Es ist einfach unglaublich, wie viele Ressourcen und Arbeitsschritte nötig sind - von dem Baumwollanbau bis zum Ladentisch, um ein einziges T-Shirt herzustellen. Wenn man dann sieht, wie schnell Klamotten hier wieder ausrangiert und weggeschmissen werden, merkt man wirklich, wie zerstörerisch und nicht nachhaltig die Fast Fashion Industrie ist.

Welche Erfahrung bzw. welchen Tipp könnt ihr Schülerfirmen geben, die sich zu einer Nasch weiterentwickeln möchten?

Eine faire und ökologisch nachhaltige Geschäftsidee verfolgen und nicht aufzugeben, wenn es mal nicht so gut läuft. Man kann aber auch versuchen die eigene Idee im Laufe der Zeit ökologisch nachhaltiger zu machen.

Was möchtet ihr beruflich einmal machen?

Manche möchten ein eigenes Start-up im Bereich Film gründen. Manche wollen irgendwas mit Wirtschaft machen. Aber die meisten von uns wissen es noch nicht genau.

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